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Apps

Ein Aspekt, ein Versprechen der wuchernden KI-Assistenten ist, dass man nun ganz viele Apps bauen kann, die früher den Aufwand nicht wert waren. Jetzt, da man mit einer halben Stunde Bespaßung des Assistenten etwas Nutzbares erstellt hat, sei das anders. Ich höre von Freunden, wie sie begeistert bauen, ich lese die Blog-Artikel. Und ich schaue auf das, was ich den lieben langen Tag mache und sehe keine Apps. Ich sehe nicht, wo die Technologie mir das Leben leichter machen kann.

Ein paar Dinge habe ich natürlich probiert. Da ist ein Skript, das ein PDF aus einem GitHub-Ticket generiert. Ich nehme es, um Tickets in Reports für Kunden zu verwandeln. Ich habe es in den letzten drei Monaten zwei Mal benutzt und natürlich hätte ich das auch mit kaum mehr Aufwand per Hand machen können. Ich bastelte ein Sicherungsskript für Bitbucket, das ich abschaltete. Vielleicht hätte ich sonst die gut hundert Repos per Hand gesichert oder gleich entschieden, welche ich definitiv nie mehr brauche. Aber ja, da war das in fünf Minuten mit Claude Code generierte Skript super hilfreich. Heute baute ich dann (inzwischen mit OpenCode, aber immer noch mit Claude hintendran) einen Skill zum Listen und Erstellen von Tickets in Jira und GitHub. Das Ziel ist, dass ich direkt während der Besprechung ein paar Stichpunkte in die KI diktiere und sie mir flugs die Tickets erstellt. Derzeit mache ich das meist im Nachgang der Besprechungen, manchmal bleibt es liegen, manchmal geht es unter. Und die Idee wäre, dass ich tippe: “Erstelle ein Ticket im GitHub Work Projekt für Hildegard mit dem Titel ‘Druckerpapier bestellen’ und schiebe es in die nächste Woche”. Vielleicht noch nicht ganz so flappsig, aber etwas genauer formuliert geht das jetzt schon. Und das fühlt sich gut an. Man kann der KI zuschauen, wie sie denkt und arbeitet und schließlich das Ticket erstellt, bei Bedarf nochmals nachfragt. Und sie rattert und der Text fliegt über das Terminal. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht, ob wir es nicht schneller einfach direkt in GitHub erstellt hätten.

All das sind keine Apps. Eher Skripte, machmal zur einmaligen Nutzung. Und es ist toll, dass sich das jetzt lohnt. Sie sind nützlich, aber echte Anwendungen eben nicht und schon gar nicht für irgend jemanden außer mir selbst.

Wenn es mehrere Nutzer sein sollen, im Unternehmen, in einem nicht öffentlichen Raum also. Dann habe ich sofort die Aufgabenstellung, die Mini-Anwendung zu verteilen und aktuell zu halten. Das ist also vielleicht ein einfacher selbstgebauter Update-Mechanismus oder gleich eine Webanwendung als naheliegendere Wahl. Die ausgeliefert und gehostet werden muss, mit ein bisschen Authentifizierung bestreut. Dann ist das nicht mehr so einfach, nicht mehr ganz so schnell gebaut.

In unserem Unternehmen ist es nicht so, dass nun überall kleine Anwendungen aus dem Boden sprießen, von Kollegen ohne Programmierkenntnissen erstellt, die damit ihre eigenen kleinen Probleme lösen. Wir möchten sie ermutigen und befähigen, dies zu tun. Warnungen vor einer Schatten-IT, die man kaum noch eingehebt bekommt, scheinen jedenfalls mehr Werbung für abhelfende Lösungen als Realität zu sein. Letztendlich ist es vermutlich auch hier so, dass es den Bedarf nach diesen einfachen Apps gar nicht gibt. Die Probleme sind komplexer, Systeme wollen integriert werden; und die Lösungen sind es ebenso.

Es gibt einige Bereiche, einige solche Probleme, auf die ich zeigen kann. Wo ich mir Abhilfe durch KI-gestützte Entwicklung erhoffe. Nehmen wir, zum Beispiel, einen Fernseher. Ich würde gern einen Bildschirm an die Wand kleben, damit alle Kollegen einen stets aktuellen, gemeinsamen Blick auf die Lage, sagen wir, in der Produktion haben. So — die Idee — werden Engpässe und Rückstände schneller sichtbar und alle, auch der Verkauf, wissen Bescheid. Die KI wird mir sehr sicher ziemlich autonom ein komplettes Dashboard mit Daten aus ein paar APIs bauen. Diese Dinger können das richtig gut. Wenn ich ihr sage, wie genau und was genau. Nur, mein Fingerzeig ist zu vage. Eine grobe, unausgegorene Idee. Für mich ist das eine Erkenntnis aus dem Emporwachsen der künstlichen Programmierknechte. Sie ist gleichzeitig überraschend und banal. Tatsächlich erstaunlich an ihr ist, dass sie erst jetzt und dadurch kommt: Dass es vor dem Start eine gute, detaillierte und geschriebene Spezifikation braucht, in die die wohlartikulierten Anforderungen geflossen sind. Gerade bei kleineren, internen Projekten gibt es diese bei uns oft nicht. Bisher. Da legen wir erstmal los und drehen dann die Runden der verschwendeten Zeit.

Die landläufige Meinung scheint zu sein, dass seit dem Herbst des letzten Jahres, irgendwann in den Monaten, die die zweite Jahreshälfte bereiten, die Agenten richtig gut geworden sind. Richtig nützlich. Ich stimme dem zu, Claude Code, OpenCode und Co können Erstaunliches leisten. Sie sind in unser Entwicklungsteam eingesickert, bei Embedded weniger, bei Web, PC und Mobil mehr. Wir sind schneller und produktiver. Wir denken es. Es wirkt so. Treten wir einen Schritt zurück und: Alles ist so mühselig wie immer. Wir haben keine Metriken, denn ich habe von Metriken nie viel gehalten. Letztendlich weiß ich es also nicht. Doch wir liefern nicht schneller aus, wir bestellen genauso wenig Verbesserungen wie eh und je und die technischen Schulden sind nach wie vor das düstere Gebirge, über das die Augen beim Blick aus dem Bürofenster streifen.

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